Glockenläuten

Als am Freitag, schon vor Arbeitsbeginn, bei den Profis von Elektro Hoffmann hartnäckig das Telefonläuten nicht mehr aufgehört hat, war klar, das ist kein Routinefall. Und richtig, am anderen Ende war der Pfarrer. Ein Notfall, die Glocken läuten nicht mehr.

Allgemeines Kopfschütteln in der Runde – was haben Elektriker mit den Kirchenglocken zu tun? Der Zusammenhang war schnell geklärt, die Glocken im Dorf haben schon seit langem eine elektrische Schwinganlage.

Mühevolles Läuten von Hand am langen Seil war schon lange nicht mehr zeitgemäß und es hat sich ohnehin keiner mehr gefunden, der die Kraft aufgebracht hat.

Glockenläuten per Knopfdruck ist eine bequeme Sache, zuverlässig, pünktlich, mit null Kraftaufwand und ohne mühseligen Turmaufstieg. So ganz nebenbei wird auch noch der empfindliche Glockenturm durch das sanftere Schwingen geschont.

Aber auch die stabilste elektrische Läutanlage geht einmal kaputt und eine Kirche ohne Glockengeläut versetzt nicht nur den Pfarrer in Panik. Der Mensch, der für die Computersteuerung verantwortlich zeichnet, war schon vor Ort und mit seinem Latein am Ende. „Es muss was mit der Maschine sein“, war der Satz, der vom Pfarrer und Computertechniker gleichsam zu hören war.

Also ein Blick in die Runde der Elektro-Profis, Arbeit haben sie derzeit mehr als genug und eigentlich sind sie auf Wochen hinaus voll ausgebucht. Aber stumme Glocken in der Kirche sind ein echter Notfall. Chef, Azubi und ein Geselle haben auf die Schnelle ihre Werkzeugkästen geschnappt und los gings.

Die erste Hürde war ein schweißtreibender Aufstieg über die schmale Holztreppe hinauf zum Glockenturm. Die Technik war übersichtlich.

Eine ausgefuchste Lineartechnik, angetrieben von einem großen Elektromotor, erzeugt ein Magnetfeld. Durch das An- und Abschalten des Magneten wird die Glocke ruckelfrei in Schwingung versetzt.

Nach erster Inspektion, zwei Erwachsene liegen auf dem Rücken unter den Glocken, war der Fehler eigentlich ausgemacht. Der Elektromotor hat schlicht seinen Geist aufgegeben. Also ausbauen und versuchen einen Ersatz zu organisieren.

Beim Einbau hatten es die Techniker leichter. Zu dieser Zeit waren die Glocken zur Überholung ohnehin in der Glockengießerei und die Handwerker hatten freien Zugriff auf den Motor. Jetzt war es natürlich nicht möglich die tonnenschweren Glocken einfach auszubauen.

Alles Philosophieren nützt nichts, der Motor musste mit dem Bauch auf dem Boden heraus gebaut werden. Viel Schweiß und manchen eher unchristlichen Fluch, musste der ehrwürdige Glockenturm über sich ergehen lassen.

Nach zwei Stunden harter Arbeit war der ‚Zahn gezogen‘ und der schwere Motor konnte in das Auto geschleppt werden.

Alle Bemühungen anhand des Typenschildes einen Ersatzmotor zu organisieren sind fehlgeschlagen. Also haben die Hoffmann-Profis den Motor in der Werkstatt auseinander genommen und in den Einzelteilen nach dem Fehler gesucht. Der war dann aber auch gleich gefunden. Ein kleiner Schalter war der Übeltäter, der mit geringem Aufwand behoben werden konnte.

Der Herr Pfarrer hat Augen gemacht als hätte er ein Wunder gesehen, als die Hoffmann-Profis kurz nach der Mittagszeit wieder am Glockenturm aufgelaufen sind.

Jetzt war der Motor nur noch über die schmale Treppe im Glockenturm nach oben zu transportieren. Der Einbau war eigentlich noch schwieriger als der Ausbau am Morgen.

Aber pünktlich um 18.00 Uhr konnte mit dem Probeläuten begonnen werden. Die Leute im Dorf haben überhaupt nicht mitbekommen, dass die Glocken einen ganzen Tag geschwiegen haben. Das Sechsuhrläuten erklang wie gewohnt.

Auf dem Platz vor der Kirche ein eher ungewohntes Bild: Zwei durchgeschwitzte Hoffmann-Profis und einen durchgeschwitzten Chef hatte der Herr Pfarrer im Arm.