Kronleuchter

Der ältere Herr mit seiner Jugendstilvilla ist schon seit ewiger Zeit Kunde bei den Hoffmann-Profis. Manches elektrische Problem hat man in dieser Villa schon gelöst. Nach der letzten Aktion, die Montage einer Wandlampe im hohen Treppenhaus des herrschaftlichen Hauses, stand jetzt eine ähnliche Aufgabe auf dem Zettel.

Den ‚Tanz‘ auf der Leiter im dunklen Treppenaufgang hat sich damals der Meister selbst angetan. Der neue Auftrag lautete: Einen Kronleuchter im Speisezimmer zu montieren. Bei der Nachfrage in der Morgenrunde, haben natürlich gleich wieder alle Finger auf den Meister gedeutet.

„Also gut, mach ich das halt auch wieder selbst”, willigte der Meister ein. „Aber du (der Meister deutete auf den jüngsten Azubi im Team) gehst mit. Die anderen sagen immer, du wärst nicht die hellste Birne im Kronleuchter, heute zeigen wir denen mal, was Sache.”

An sich ist die Montage einer Deckenleuchte, was anderes ist auch ein Kronleuchter nicht, keine große Herausforderung für einen Elektrotechniker. Wenn aber das gute Stück noch aus dem 5. Jahrhundert stammt, aus einer Zeit, zu der die Völkerwanderung noch nicht vorbei war, dann sieht das schon anders aus.

Das gute Stück aus massivem Eichenholz hat der Hausherr bei einer Versteigerung erstanden. Im Laufe der Jahrhunderte ist das ‚Wagenrad‘ schon mehrfach auf moderne Leuchtmittel umgerüstet worden. Geblieben ist die Anforderung, den großen Lüster aus Reifenkronen an der hohen Decke zuverlässig zu befestigen.

Eine Montageanleitung suchen die Hoffmann-Profis am Ort des Geschehens natürlich vergebens. Das gute Stück war in einer riesigen Kiste, zerlegt in alle möglichen Einzelteile, von einer Spedition angeliefert worden.

Bevor das Prunkstück an die Decke gehievt werden konnte, waren natürlich einige Überlegungen notwendig. Noch war die Beschaffenheit der Decke die große Unbekannte und erst ein Aufstieg mit der großen Leiter und einem Materialtest mit einem kleinen Schraubendreher verschaffte dem Meister Gewissheit. Bei der scheinbar ‚alten‘ Kassettendecke handelte es sich um eine abgehängte Konstruktion aus Rigips.

In den Versandpapieren von der Spedition war zum Glück das Gewicht eingetragen. Eine Befestigung an den Platten war unmöglich. Wie festgestellt, waren die Deckenplatten an einer Konstruktion aus Aluminium abgehängt. Das Trägersystem musste erst teilweise abmontiert werden, um nach dem Ausbau von Deckenplatten an die Rohdecke zu kommen.

Der Meister und sein Azubi mussten auf zwei hohen Leitern die Deckenplatten vorsichtig herauslösen. Dabei war äußerste Vorsicht geboten. Ein Ersatz der Deckenplatten mit dem dunklen Dekor einer Holzkassettendecke war heute sicher nicht mehr zu beschaffen.

Der Rest war eigentlich ein Kinderspiel. Die passenden Schwerlastdübel waren schnell im Beton versenkt. Dann konnten die beiden das Schmuckstück an den dazu gehörigen Ketten hochziehen und einhängen. Die Kabel der Stromzufuhr waren recht einfach unter den Deckenplatten zu verstecken. Nach dem Rückbau der Platten strahlte der prächtige Kronleuchter von der Decke.

Die Elektrik haben die beiden Hoffmann-Profis natürlich vorher auf dem großen Speisetisch ausprobiert. Dem Zufall haben die beiden bei dieser Aktion nichts überlassen. Auch die Reihenschaltung, mit der nur die Hälfte der modernen Leuchtmittel auf den Kranz geschaltet werden konnte, wurde vorher bei einem ersten Testlauf auf dem Tisch ausprobiert.

Selbst an einen Staubsauger haben die Profis gedacht. Den starken Industriesauger hat der Azubi beim Bohren schön darunter gehalten. Das hat verhindert, dass sich der feine Bohrstaub im ganzen Haus verteilt hat.

Als One-Man-Show wäre auch für den erfahrenen Meister diese ‚Operation‘ nicht möglich gewesen. Für so einen Job braucht man zwingend vier Hände. Der Azubi war jedenfalls sehr stolz, dabei gewesen zu sein. Die zehn Euro ‚Trinkgeld‘ hat er nach einem Blick zu seinem Ausbilder gerne angenommen.

„Jetzt fahren wir auf dem Nachhauseweg beim Bäcker vorbei. Ich spendiere von dem Trinkgeld den anderen ein Paar Stücken Torte. Ich will den Spruch mit der hellsten Kerze auf der Torte nicht mehr hören.” Der Meister konnte nur schmunzelnd zustimmen.