Wandlampe


Es gibt bei den Hoffmann-Profis immer wieder Aufträge, um die sich alle so richtig ‚reißen‘. Das sieht dann so aus: „Wer kann mal schnell zum Herrn XY fahren, der hat ein Problem mit einer Wandlampe im Treppenhaus?”

Das ‚Reißen‘ sieht dann so aus: Jeder hat gerade etwas Wichtiges zu tun, keiner hört da so richtig hin. Der Kunde ist berühmt dafür, dass alles supergenau so ablaufen muss wie er sich das vorstellt und dabei immer unendliche Geschichten erzählt.

Also, von ‚Hierschreien‘ keine Spur. Der Meister steht vor der Wahl, einfach einen zu bestimmen oder den Auftrag schnell selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht kommt er ja auch bei seinem ersten persönlichen Besuch dahinter, warum der Kunde bei seinen Leuten so ‚beliebt‘ ist.

Der Meister packt seine Werkzeugtasche und sagt beim Hinausgehen: „Wenn also keiner Lust hat…” Der Werkstattbus mit der Leiter auf dem Dach wurde heute am Vormittag nicht gebraucht, so war die Entscheidung gefallen, mit welchem Auto der Meister die paar Meter zum Kunden fährt.

Die Adresse war leicht zu finden. Der oberste Hoffmann-Profi stand vor einer richtig eleganten Gründerzeit-Villa. Empfangen hat ihn ein vornehmer Herr, der seine alten Tage in dieser Villa offensichtlich alleine verbringt.

Der gepflegte Treppenaufgang riecht nach Bohnerwachs. Der Hausbesitzer legt nach eigenen Aussagen Wert darauf, dass seine Zugehfrau immer echtes Bohnerwachs verwendet. Der Meister wird zum ‚Tatort‘ geführt.

Im oberen Teil des Treppenhauses war eine Wandlampe montiert. Ein recht modernes Teil in Form einer Röhre, die das Licht zu gleichen Teilen noch oben und nach unten ausstrahlen sollte, wie gesagt sollte. Die Lampe machte seit Tagen keine Anstalten ihrer Aufgabe nachzukommen.

Das Treppenhaus war durch das dunkle Holz von Treppen und Wandverkleidung ohnehin sehr düster. Ohne Licht ist der Treppenaufstieg sehr gefährlich, speziell bei den glatten Bohnerwachstreppen und wenn man als ‚Treppensteiger‘ nicht mehr der Jüngste ist.

Der Meister macht sich sofort an die Arbeit. Gut, dass er den Kleinbus mit den Leitern auf dem Dach genommen hat. Der Aufbau der Leiter im Treppenhaus war gar nicht so einfach. Der Meister war froh, dass er das selbst in die Hand genommen hat. Einem seiner Mitarbeiter hätte er wohl so ein ‚Kunststück‘ auf der Leiter im Treppenhaus nicht zumuten wollen. Eigentlich müsste man ein kleines Gerüst bauen.

Der alte Herr stand immer dabei, bot seine Hilfe an. Er war froh, dass die Hoffmann-Profis so schnell auf seinen Anruf reagiert haben. Das dunkle Treppenhaus machte ihm Angst.

Von Angst hatte er viel zu erzählen und er war offensichtlich froh, dass ihm einer zuhört. Die letzten Tage des Krieges hatte er im Keller seines Hauses verbracht. Immer die Angst vor den Bomben und dass sein Haus getroffen werden könnte.

Glück gehabt, denkt sich der Meister, denn das Haus hat den Krieg wohl offensichtlich ohne Schäden überstanden.

In der Zwischenzeit hatte der Meister die Lampe in der Hand und musste feststellen, dass das Leuchtmittel nicht austauschbar war. Die Lampe hatte ihm einmal ein Innenarchitekt beim letzten Umbau des Hauses eingeplant, sie sollte ewig halten.

Der Meister erklärte dem Senior das Dilemma und schlug vor, bis entsprechender Ersatz beschafft war, eine provisorische Lampe anzubringen. Das war die Lösung, die im dunklen Treppenhaus vorläufig für Licht sorgen sollte. Mit vielen Dankesworten und einer Einladung zu einem Kaffee verabschiedete der Senior den Meister.

Zu Hause angekommen, die Werkstatt war leer, machte sich der Meister an den Versuch einen Ersatz für die vermeintliche Designerlampe zu finden. Es hat nicht lange gedauert und der Meister hat die Suche aufgegeben. Er hat aber ein ähnliches Teil gefunden, das sich von dem defekten Original fast nicht unterscheidet, aber über auswechselbare Leuchtmittel verfügte.

Bei einem kurzen Telefongespräch mit dem Senior hat er sich das Okay für den Ersatz geholt. Der Hausherr war sehr zufrieden mit dem Ersatz, zumal die neue Lampe nur ein Drittel gekostet hat, wie die kaputte Designerlampe.

Zwei Tage später ist der Meister wieder zur Villa gefahren. Diesmal hat er keinen seiner Leute gefragt, ob den Auftrag irgendwer übernehmen will. Er wollte sich selber die Zeit nehmen, mit dem Senior eine Tasse Kaffee zu trinken. Seine Hoffmann-Profis staunten nicht schlecht als der Meister ankündigte, welchen Auftrag er selbst übernehmen wollte.

Den Versuch, den Meister aushören zu wollen, wie der Job bei dem ‚Alten‘ gelaufen ist, haben die Leute schnell aufgegeben. Eigentlich wollten sie hören, dass der Kunde auch dem Meister auf den ‚Wecker‘ gegangen ist. Den Gefallen hat er seinen Leuten nicht getan. „Vielleicht braucht ihr ja auch mal einen, der euch ein bisschen zuhört, wenn ihr mal richtig alt seid.”